Home | Zum Heft | Thema | Projekte | Positionen | Arbeitshilfen | Termine | Kontakt | Links
Boxbild
  Druckversion   Seite versenden
Alle Partner sollen profitieren
Lernen durch Engagement

Wie kann man jungen Menschen Ehrenamt nahebringen? Ein – in Deutschland vergleichsweise neuer – Weg besteht darin, Unterricht an Schule oder Universität mit praktischer Tätigkeit in einem gemeinnützigen Bereich zu verbinden. Der Ansatz nennt sich Service-Learning oder – ins Deutsche übersetzt – Lernen durch Engagement.

In einem Alten- und Pflegeheim wirken Jugendliche ehrenamtlich bei der Betreuung der Senioren mit. Gleichzeitig behandeln sie im Biologieunterricht Erkrankungen wie Alzheimer und Demenz. Von dem theoretischen Wissen, das sie an der Schule erworben haben, profitieren sie im Umgang mit den alten Menschen. Umgekehrt erschließen und bereichern ihre Erfahrungen in der Pflegeeinrichtung die schulischen Lerninhalte.

Ein solches Projekt nennt sich Service-Learning. Der Begriff stammt aus den USA, wo diese Lernform bereits seit über 20 Jahren praktiziert wird. Jedes Jahr nehmen dort rund 5 Millionen Schüler an Service-Learning-Projekten teil. In Deutschland wurde Service-Learning erstmals 2001 erprobt, bundesweit arbeiten inzwischen rund 60 Schulen mit dieser Methode. Auch von Hochschulen wird sie mittlerweile aufgegriffen.

In der Bezeichnung steht „Service“ für freiwilliges Engagement für das Gemeinwohl, „Learning“ für Lernen durch Erfahrung. Im Deutschen hat sich dafür der Name „Lernen durch Engagement“ gefunden. Unter diesem Namen hat sich auch ein Netzwerk gebildet, in dem Schulen und ihre gemeinnützigen Kooperationspartner zusammengeschlossen sind.

Charakteristisch für Service-Learning ist die gleiche Gewichtung von Engagement und fachlichem Lernen. Anders als bei einem ehrenamtlichen Einsatz von Schülern, den diese „neben“ dem Schulbesuch leisten, ist er hier im Unterricht verankert und auf Lerninhalte abgestimmt. Im Gegensatz zu Praktika, bei denen der Nutzen für den Schüler im Vordergrund steht, geht es beim Service-Learning um einen echten Dienst am Gemeinwohl.

Wichtig: ein realer Bedarf

Daher fordern die Befürworter des Service-Learnings als Qualitätsstandard der Projekte, dass der Einsatz der Jugendlichen einen realen Bedarf beim gemeinnützigen Partner erfüllt. Anne Seifert, Erziehungswissenschaftlerin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, schreibt: „Es ist wichtig, dass das Engagement der SchülerInnen (…) tatsächlich gebraucht wird und eine echte Unterstützung darstellt.“ Die Schüler sollen „eine als sinnvoll erlebte, verantwortungsvolle und herausfordernde Aufgabe übernehmen“. Zumal bloße Beschäftigungstherapie letztendlich demotiviert.

Bereits Anne Sliwka, die ein 2001 mit zehn Schulen durchgeführtes Pilotprojekt auswertete, kommt zu dem Ergebnis: „Nicht diejenigen Instituionen, die auf den ersten Blick einen Reiz auf Schüler ausüben, waren als Partner für die Schüler attraktiv, sondern vielmehr die, die eine gute Atmosphäre und anspruchsvolle Aufgaben mit Möglichkeiten zu persönlichem Wachstum boten.“

Sliwka schildert das Beispiel eines Altenpflegeheims und zitiert dessen Mitarbeiter: „Ich dachte, gegen das Tierheim kommen wir nicht an. Dann aber fragten die zwei Schülerinnen vom Anfang, ob sie noch jemanden mitbringen dürften. Und dann noch jemanden.“ Als Grund nennt Sliwka: Eine leitende Führungskraft betraute die Jugendlichen mit anspruchsvollen Aufgaben und bot sich ihnen gleichzeitig als Ansprechpartnerin an. Im Tierheim dagegen, so Sliwkas Darstellung, wussten sie mit den Schülern nichts anzufangen und hielten deren Einsatz für eine schulische Disziplinarmaßnahme.

Ebenfalls wichtig: Mitbestimmung

Zu einem attraktiven Einsatz gehört auch, dass die Schüler mitgestalten und eigene Ideen einbringen können. Und zwar nicht nur am Einsatzort, sondern bereits bei Auswahl, Planung und Durchführung der Projekte. Das belegt auch die „Wirkungsstudie Service Learning“, deren Ergebnisse 2013 veröffentlicht wurden und auf der Befragung von 2.000 Jugendlichen durch Forscherteams der Universitäten Oldenburg und Duisburg-Essen berufen. Dabei zeigte sich eine sehr hohe Zufriedenheit der Schüler mit Service-Learning-Projekten (47,9 % voll, 36,8 % eher zufrieden). Gleichzeitig bescheinigten die Jugendlichen gute Mitbestimmungsmöglichkeiten. Über 70 % sagten, dass sie mitbestimmen konnten, mit welchem außerschulischen Kooperationspartner sie das Projekt machen und welche Aufgaben sie übernehmen. Mehr als die Hälfte bejahten auch Mitbestimmung bereits bei der Projektentwicklung.

Anne Seifert warnt daher: „Geschieht dies nicht und werden das Engagement und dessen genaue Ausgestaltung quasi ‚verordnet‘, ist es fraglich, ob es von den SchülerInnen überhaupt als Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe wahrgenommen wird.“

Dass hochwertige Projekte positive Effekte auf die Engagementbereitschaft der Jugendlichen haben, belegen laut Seifert Studien vor allem aus den USA. Ihnen zufolge wird das soziale Verantwortungsbewusstsein der Schüler gestärkt sowie ihre Überzeugung, durch eigenes Handeln zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen zu können. „Die Motivation für bürgerschaftliches Engagement nimmt zu.“ Und dies schlage sich dann auch in tatsächlicher Beteiligung nieder. Zudem sei die Identifikation von Schülern, die an Service-Learning teilgenommen haben, größer als bei Jugendlichen, die dies nicht taten.

Das Veränderungspotential für den einzelnen Schüler dokumentiert auch die Aussage eines 15-jährigen (er wirkte an einem PC-Training für Senioren mit), die Anne Sliwka aus dem deutschen Pilotprojekt zitiert: „Freiwillig hätte ich das nie getan, aber jetzt würde ich das sofort wieder tun.“

Die bereits genannte Wirkungsstudie ist der Frage nachgegangen, ob Service-Learning nur die Schüler erreicht, die ohnehin schon ehrenamtlich aktiv sind. Diese Befürchtung bewahrheitete sich bei den Befragungen nicht. 68 % der befragten Jugendlichen waren bislang in der Freizeit nicht engagiert. Und diejenigen, die sich als engagiert bezeichneten, nannten auf Nachfrage freilich Aktivitäten, die sich von Fußballspielen über Mithelfen in der Familie bis zu Nebenjobs erstreckten. „Hier zeigte sich“, so die Forscher, „dass viele nicht genau wissen, was mit bürgerschaftlichem Engagement gemeint ist.“ Das relativiert auch noch einmal die Angabe, dass fast 60 % sagten, zumindest ein Elternteil sei engagiert. Die Studie kommt daher zu dem Fazit: „Zum Engagement motovierte Schülerinnen und Schüler sind nicht Voraussetzung, sondern Ergebnis guter Service Learning-Projekte.“

Schule in der Gemeinde

Ziel des Service-Learnings ist darüber hinaus, dass sich Schule verändert. Schule soll sich nach außen öffnen. Das gilt zunächst für die Schülerinnen und Schüler. Sie verlassen den vergleichsweise „geschützten Raum“ der Schule und kommen in Situationen, in die der normale Schulalltag nicht bringen würde. Sie kommen mit Menschen in Kontakt, denen sie in ihrem persönlichen Umfeld vielleicht nicht begegnen. Sie lernen Lebensbereiche kennen, zu denen sie ansonsten keinen Zugang haben.

Dies wirkt sich dann auch auf die Institution aus. Sie wird – so wünsche es sich zumindest der Vertreter des Service-Learnings – zu einer „Schule in der Gemeinde“. Sie gewinnt neue Kontakte und Partner und ist stärker in ihrem Umfeld verankert. Daraus kann ein Unterstützungsnetzwerk für die Schule erwachsen.

Auf Augenhöhe

Wirklich profitieren sollen auch die Partnerorganisationen, die mit der Schule zusammenarbeiten und den Schülern einen Einsatzort für ihr Engagement bieten. Natürlich nützen dem Partner zunächst einmal die konkreten Dienstleistungen der Schüler oder Studenten. Aus dem Projekt kann zudem eine über das Projekt hinaus andauernde Unterstützung entstehen. Vor allem bietet ein Service-Learning-Projekt der gemeinnützigen Organisation auch die Chance, ihre gewohnten Abläufe und Methoden zu überprüfen. Aus Anregungen der Jugendlichen lassen sich neue Ansätze gewinnen.

Service-Learning setzt somit voraus, dass alle Beteiligten gleichberechtigt sind. Das wird gerade von Universitäten betont: Die Partnerorganisation „begegnet der Hochschule auf Augenhöhe“, schreiben die Autoren des Buches „Mission Gesellschaft“. In der Veröffentlichung des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft, in der es um das Engagement von Hochschule geht, heißt es: „Alle drei Seiten (Hochschule, Studierende, Partnereinrichtungen) sind Willens zu lernen. Die Ressourcen des anderen sollen helfen, die eigenen Ressourcen zu erweitern und zu stärken.“

Die Universität Augsburg hat dazu ein Modell entwickelt, das den Studenten differenzierte Möglichkeiten des Service-Learnings eröffnet. Sie reichen in vier Stufen vom sozialen Tag, bei dem sich die Studierenden einmalig in sozialen Einrichtungen betätigen, bis zu einem Begleitstudium, bei dem sich die Studenten über mehrere Semester hinweg in außeruniversitären Projekten engagieren, für diese selbst die Verantwortung übernehmen und am Ende ein Zertifikat erwerben.

Um ein solch anspruchsvolles Programm zu verwirklichen, musste die Universität Augsburg neue Kontakte zu sozialen Einrichtungen knüpfen – etwa der Arbeiterwohlfahrt, der Johanniter Unfallhilfe und dem Malteser Hilfsdienst – sowie zu Vereinen und kirchlichen Verbänden. Sie sollten konkrete Vorschläge unterbreiten, wie sich Studenten einbringen können. „Die Projektvorschläge reichen vom Aufbau einer Bücherei zur Leseförderung bis hin zur Entwicklung einer Evaluationsmethode für ehrenamtlich angebotene Sprachkurse für Flüchtlinge“, berichtet ein Buchbeitrag über das Augsburger Modell.

Die Hochschulen verfolgen daher nicht nur das Ziel, das soziale Verantwortungsbewusstsein der Studierenden zu fördern. Sie hoffen auch, dass die Partnerorganisationen Vertrauen in den praktischen Nutzen von Wissenschaft für die Gesellschaft gewinnen.

Denn Service-Learning hat ein übergreifendes Ziel: Es will generell Demokratie und Zivilgesellschaft stärken. Dazu noch einmal Anne Seifert und Sandra Zentner: „Die Gesellschaft profitiert dabei nicht nur vom ganz konkreten Engagement der Kinder und Jugendlichen, das sie bei Lernen durch Engagement leisten, sondern sie gewinnt auch eine engagierte Generation, die gelernt hat, dass ihr Handeln einen Unterschied machen kann.“

Klaus-Stefan Krieger

Datum: 01.09.2016
Klaus-Stefan Krieger
Weiterführende Links:
Info
Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.Ok, verstanden.